INTENSE Academy: Wie Corona IT-Weiterbildung verändert hat

Wann habt ihr das letzte Mal eine Weiterbildung besucht? Ein Seminar? Eine Schulung? Eine Konferenz? Einen Workshop? Oder als Entwickler:in ein Pair Programming oder ein Softwarereview?

Weiterbildung, d. h. das Erlernen und Festigen neuer Fähigkeit, aber auch das Verlernen bestehender Gewohnheiten, ist in der sich schnell veränderten IT-Welt wichtiger denn je. Systeme, Prozesse, Frameworks und Technologien, die vor kurzem noch en vogue waren, können morgen schon wieder obsolet sein. Zusätzlich ist die reine Auswahl an Optionen, um ein Problem anzugehen und zu lösen, ins fast unendliche angestiegen. Ein Blick auf die Cloud Native Landscape der Cloud Native Computing Foundation lässt die Komplexität am Beispiel Cloud erahnen:

Was und wie soll ich lernen?

Die Frage nach dem „Was soll ich lernen?“ ist immer schwieriger zu beantworten und sehr individuell, manchmal aber auch fix vorgegeben: Ein Projekt, an dem man zukünftig mitarbeiten soll, hat vielleicht einen Techstack von dem man nur 30 % kennt. Daraus ergibt sich, dass öfters etwas Neues gelernt werden muss. Aber hat sich aufgrund dieser Herausforderungen auch geändert, wie Wissen vermittelt wird? Denn das „Wie“ trägt maßgeblich dazu bei, wie gut das Wissen aufgenommen wird und somit wie schnell und gut Menschen mit dem neu erlangten Wissen arbeiten können. Teilweise wird der didaktische Aspekt aber vernachlässigt.

Vorteile von Remote-Weiterbildungen

Durch die Corona-Krise hat sich sicherlich in diesem Bereich etwas verändert, das jeder spürt: Es werden immer mehr Weiterbildungen remote angeboten. Das hat einige wesentliche Vorteile:

  • Weiterbildungen werden preiswerter, es entfallen Reisekosten und Übernachtungskosten sowie die wegfallende Raummiete kann an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer weitergereicht werden.
  • Weiterbildungen werden in kürzeren Abständen angeboten, teilweise auch als Videokurs statt Live-Kurs.
  • Die Teilnahme an weit entfernten Veranstaltungen fällt leichter: auch internationale Konferenzen sind remote erlebbar und aufwändige Reisezeit oder vorgelagerte und nachgelagerte wichtige Termine stehen einer Teilnahme nicht mehr so stark im Weg.

Nachteile von Remote-Weiterbildungen

Diesen Vorteilen stehen auch Nachteile entgegen, die es auszugleichen gilt:

  • Die Kommunikation mit den Referenten, Trainer, Partner ist schwieriger als „live“. Insbesondere Gruppendiskussionen erfordern viel mehr Disziplin.
  • Der früher fast automatisch stattfindenden sozialen Aspekt, z. B. die Kaffeepausen mit Small Talk, finden so nicht mehr statt.
  • Gemeinsame praktische Übungen funktionieren nicht mehr so einfach wie früher oder es müssen neue Übungen ausgearbeitet werden.
  • Das Feedback an die Referierenden durch Mimik, Gestik und Körperhaltung der Teilnehmenden ist erschwert.
  • Technische Probleme mit Soft- und Hardware oder der Internetverbindung.

Was zeigt ein Blick in die Praxis?

Ende 2020 besuchte ich eine zweitägige externe Remote-Schulung mit einem sehr engagierten und kompetenten Referenten. Insgesamt gab es 8 Teilnehmende, die über ein Meeting Tool zusammengeschaltet waren. War das Training ein Erfolg? Ja, denn alle Teilnehmenden haben die nachfolgende Prüfung bestanden. Aber hätte es besser sein können? Sicherlich:

  • Die Schulung bestand zum 100 % aus einer PowerPoint-Präsentation mit jeweils vier Blöcken mit „Quizfragen“. Die Interaktionsrate war also gering. Es war oft unklar, ob die Teilnehmenden überhaupt noch anwesend sind und der Schulung folgten.
  • Die Meeting Software ermöglichte es nicht, dass der Referent oder die Teilnehmenden sichtbar waren. Der Referent sprach somit zwei Tage „gegen den Monitor“ ohne großes Feedback durch die Teilnehmenden – außer es wurden direkt Fragen gestellt. Auch die Teilnehmenden blickten zwei Tage lang nur auf Folien.
  • Ein Austausch oder Diskussion wurde nicht gefördert, es war Frontalunterricht.

Wie bleibt Wissen nachhaltig haften?

Jeder von uns hat sicherlich an solch einer Schulung schon einmal teilgenommen. Diese können das gewünschte Ergebnis in gewisser Weise liefern. Aber sie erreichen oft nichts darüber hinaus und oft auch keine Nachhaltigkeit. Weder in der Praxis noch im sozialen Networking-Bereich. Kooperation und Austausch, das wichtige „voneinander lernen“ zwischen den Teilnehmenden wird kaum gefördert. Ist Wissen gefestigt, nur weil man es einmal gehört hat?
Manch einer erinnert sich vielleicht an seine Schulzeit zurück.

Das Problem ist allgegenwärtig und betrifft fast jedes Unternehmen:

Wie kann ich meinen Mitarbeitenden effizient, nachhaltig und zugleich unterhaltsam Wissen vermitteln und soziale Interkation, also ein Teamgefühl, fördern?

Auch die INTENSE steht vor diesem Problem. Wie versuchen wir die positiven Dinge von remote-Schulungen zu nutzen und dabei die negativen Aspekte so gering wie möglich zu halten?

Wir hatten bereits auch schon vor Corona viele interne Trainings remote durchgeführt. Mit mehreren in ganz Deutschland verteilten Standorten war der Druck groß, auch ohne Reiseaufwand gemeinsame Weiterbildungen zu ermöglichen – insbesondere für Workshops, die nicht ganztägig sind.

Veränderung unserer IT-Weiterbildung unter Pandemiebedingungen

Um auch unter diesen Bedingungen die Mitarbeitenden effizient schulen zu können, haben wir unser Schulungskonzept langsam gewandelt:

1. On-site wird hybrid, hybrid wird remote first

Begonnen haben wir mit hybriden Workshops. Ein Teil der Teilnehmenden war vor Ort beim Trainer, die anderen wurden remote zugeschaltet. Sowohl per Individualeinwahl als auch zwischen den Standorten über klassische Videokonferenzanlagen. Die Ergebnisse waren so wie die Teilnahmeverfahren: gemischt. Innerhalb der Standorte und besonders am „Referentenstandort“ gab es gute Diskussionen, viel Austausch, individuelles Coaching und Coaching untereinander. Zwischen den Standorten gab es durch die Videokonferenz eine virtuelle Mauer. Am wenigsten Integration und das negativste Feedback kam von den Teilnehmenden, die einzeln zugeschaltet waren, z. B. von zu Hause.
Als Konsequenz haben wir die hybriden Workshops schrittweise auf „remote first“ umgestellt. Somit haben alle Teilnehmenden dieselbe Grundvoraussetzung. Auch wenn mehrere Personen an einem Standort waren, wählen sich diese einzeln von ihrem Arbeitsplatz aus ein. Was am Anfang ungewohnt war, wurde bald akzeptiert und zur Gewohnheit. Denn die Nachteile der hybriden Workshops wurden fast vollständig kompensiert. Die Kommunikation wurde gefördert und die Coaches konnten individuell helfen. Es war eine gute Vorarbeit für die Corona-Zeit.

2. Theorie und Praxis, Individuum und Team

„Learning by doing“: Die Vermittlung von Theorie ist wichtig und kann durch kurze Vorträge mit Unterstützungen von Folien oder virtuellen Whiteboards erfolgen. Doch wirkliches nachhaltiges Lernen entsteht nur durch Übung: durch Wiederholung der Dinge, so lange bis sie automatisch angewandt werden, ohne dass darüber nachgedacht werden muss. Wir haben somit den Fokus weg von der Theorie gezogen und den praktischen Übungen und Coachings mehr Platz eingeräumt. Das kann sowohl individuelles Arbeiten sein, aber auch arbeiten in ganzen Gruppen oder in Zweier-Teams, beispielsweise im Pair Programming. Der Trainer springt in den Gruppen von einer Person oder einem Team zu nächsten, beantwortet Fragen und gibt Feedback. Am Ende wird das Ergebnis in der Gesamtgruppe vorgestellt und diskutiert. Technisch werden hierzu „Breakout Rooms“ eingesetzt, d. h. die Teilnehmenden werden in eigene kleine Gruppenräume verteilt.

Diesem Konzept folgen beispielsweise unsere Ninja Times: In einem kurzen Theorieteil werden die Rahmenbedingungen und die Übung vorgestellt. Danach wird die Übung in Pair Programming umgesetzt. Parallel springen die Coaches zwischen den Pairs hin- und her. Am Ende erfolgt ein Review des Ergebnisses und eine gemeinsame Retrospektive. Mit jeder Ninja Time mehr, die Teilnehmende besuchen, wird Test First Entwicklung „natürlicher“, so dass das Erlernte auch in externen Projekten immer mehr Anwendung findet.
Die Workshops werden durch dieses Vorgehen zwar zeitaufwendiger, aber das Ergebnis auch nachhaltiger.

3. Connecting the team

Durch die zunehmende Anzahl von Remote-Workshops litt das „Gemeinsam-Gefühl“ der Teilnehmer und somit letztendlich auch der Spaß an einem Workshop. Durch die Einführung neuer Regeln und Methoden versuchen wir dem entgegenzuwirken:

  • Pair Programming – die Teilnehmenden lösen in Zweier-Teams gemeinsam ein Problem, statt alleine
  • Mob Programming / Ensemble Programming – ein gesamtes Team arbeitet gemeinsam an einem Problem und nutzt hierfür spezifische Rollen
  • Kamera immer aktiviert
  • Gemeinsames Arbeiten mit virtuellen Whiteboards wie Mural oder Miro
  • Wir experimentieren aktuell auch mit Plattformen wie Workadventure, einer virtuellen Welt im 16-bit Stil, so dass dort spontane Treffen in Pausen firmenweit möglich sind.

4. Nimm es auf!

Nicht immer haben alle, die ein Workshop interessiert, Zeit – Urlaub, Go-Live Termine oder andere Gründe machen es unmöglich teilzunehmen. Wir haben in der Vergangenheit in solchen Fällen versucht, einen oder mehrere Wiederholungstermine anzubieten, was aber ein hoher zeitlicher Aufwand für die Trainer war. Insbesondere Workshops für neue Mitarbeitende waren hier betroffen, wie beispielsweise Grundlagen für die Produktentwicklung oder das Support Ticketing. Da im Laufe des Jahres viele neue Mitarbeitende zu verschiedensten Zeitpunkten neu zur INTENSE kamen, wurde dieses Wissen teilweise erst nach mehreren Monaten vermittelt, statt direkt zum Unternehmenseintritt.

Inzwischen werden Vorträge und Workshops, so denn es inhaltlich sinnvoll ist, per Video aufgenommen. Dank der Aufnahme-Funktion von Microsoft Teams ist dies nur ein Knopfdruck und die Videos werden innerhalb der Firma automatisch zur Verfügung gestellt. Die Sichtbarkeit lässt sich dabei wie notwendig einstellen. Über die Plattform Microsoft Stream können die Videos nachbearbeitet und in Channels und Watchlists verwaltet werden, so dass Interessierte, wann immer sie Zeit haben, die Videos anschauen können. Auch unsere Firmenevents werden auf diese Weise aufgenommen und zur Verfügung gestellt.

5. Inverted Classroom

Workshops mit vielen Inhalten erwiesen sich als sehr unflexibel und anstrengend für die Teams: An einem Freitag mehrere Stunden in einem Workshop zu verbringen war für viele auch terminlich schwer. Wir gehen aktuell die ersten Schritte, um größere Workshops als Inverted Classroom anzubieten – statt Theorie und Praxis in einem Termin zu bündeln, wird hierbei das System umgedreht: Die Teilnehmenden erhalten Lernmaterial in Form von Videos, Texten und Reflexionsfragen, die sie eigenständig durcharbeiten können. Das schafft durch die Möglichkeit der Selbstorganisation viel Flexibilität wie und wann das Material bearbeitet wird: als Block, verteilt über die Woche, früh oder eher am Nachmittag. Zusätzlich können die Teilnehmenden die Videos wiederholt ansehen, wenn etwas nicht verstanden wurde. Die Teilnehmenden können, falls sie nicht weiterkommen, aber auch Fragen an den Trainer stellen. Abschließend trifft sich die Gruppe in einem gemeinsamen Termin und spricht über das gelernte, macht gemeinsame Übungen, präsentiert Ergebnisse und erhält Feedback.

6. Die INTENSE Academy

Die INTENSE Academy ist unsere zentrale Ausbildungsplattform. Wurden Workshops früher von Referierenden noch „von Hand organisiert“, nutzen wir heute Moodle. Die Plattform enthält einen Katalog interner und externe Schulungen aufgegliedert nach verschiedenen Fachgebieten.

Referierende können Schulungen hinzufügen und darüber informieren, dass ein neuer Termin ansteht. Interessierte können sich dann zur Schulung anmelden und erhalten automatisch eine Termineinladung. Dabei können Schulungen offen für alle sein oder nur eine limitierte Anzahl an Plätzen verfügbar haben, so dass auch eine Warteliste entsteht. Schulungen, die auf Video aufgenommen wurden, können eigenständig von den Mitarbeitenden gebucht und angesehen werden. Ebenso existieren dokumentenbasierte Schulungen in der Academy.

Um neuen Mitarbeitenden den Weg zu erleichtern, wird durch unser Onboarding-Team gemeinsam mit den Mitarbeitenden ein Ausbildungsweg besprochen, dem sie folgen können.

7. Let’s play

Lernen, ohne zu merken, dass man in einer Lernsituation ist. Wie als Kind, als man noch durch Spielen gelernt hat. Wieso nicht auch als Erwachsener? Muss Lernen immer nach klassischen Konzepten erfolgen oder darf es auch unbemerkt erfolgen, Spaß machen und Teambuilding fördern? Natürlich! In den vergangenen Jahren hat sich eine große Community rund um das Thema „agile Spiele“ entwickelt. Viele kennen vielleicht Klassiker wie das Ballpoint-Game oder Papierschiffe-Falten. Inzwischen gibt es aber einen breiten Fundus an Spielen: komplexe Simulationen, um Scrum und Kanban näher zu bringen, Spiele, die sich auf Kommunikation fokussieren wie „Escape the Boom“ , „Agile Testing Jenga“ für das Thema Softwaretests oder die Simulation von Refactorings. Mit der Play4Agile gibt es eine eigene Unkonferenz, die sich mit dem Thema beschäftigt.

Die Einführung von mehr spielebasierten Workshops hat bei INTENSE dazu geführt, dass wir Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten, die sich im normalen Format nicht die Zeit genommen hätten, die Workshop zu besuchen. Durch das positive Feedback von auch kritischen Personen, bekamen die Workshops sehr viel Zulauf, so dass wir sie mehrfach in kurzer Zeit anbieten mussten. Erfreulicherweise erinnern sich die Teilnehmenden gut an die Inhalte der Workshops, da sie das Lernen mit einem positiven Ereignis verknüpfen: Sie hatten Spaß.

Viele der Spiele sind eher darauf ausgelegt, dass sie vor Ort in einer Gruppe gespielt werden. Durch die Corona-Situation wurden bestehende Spiele abgeändert und z. B. durch virtuelle Whiteboards unterstützt, so dass diese auch remote-fähig sind. Dies funktioniert bei manchen Spielen sehr gut, bei anderen eher weniger. Hier muss jeder Coach abwägen, was für den Lerninhalt und das Team passt.

Fazit

Dies soll nur ein Ausschnitt von dem sein, welchen Weg wir bei INTENSE gegangen sind und aktuell noch gehen. Es gibt viele Möglichkeiten für Unternehmen sich in der Wissensvermittlung zu verbessern – wir freuen uns über einen Austausch.

Der Autor

Dominik Panzer

Dominik Panzer

Dominik verantwortet als Entwicklungsleiter die technische Produktentwicklung der Intense AG und unterstützt Teams als Technical Agile Coach in den Bereichen Prozesse, Testautomatisierung, Methodiken und Clean Code. Er ist Initiator der Clean Code Advocate Initiative der INTENSE AG.

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